„Ich möchte ein Signal setzen zum Aufbruch in die Zukunft …“ – Interview mit dem DOG-Präsidenten

Die DOG 2017 steht unter dem Leitthema „Deutsche Augenheilkunde international“. Präsident der DOG, Prof. Dr. Thomas Kohnen, erklärt, warum er dieses Motto gewählt hat, welche Neuerungen es gibt und auf welche Highlights sich die Teilnehmer freuen können.

Interview mit dem Präsidenten der DOG
Prof. Dr. Thomas Kohnen

Herr Professor Kohnen, das Leitthema der DOG 2017 lautet „Deutsche Augenheilkunde international”. Welchen Akzent wollen Sie damit setzen?

Die Präsidenten der zurückliegenden Jahre haben stets eigene Akzente gesetzt und damit Impulse gegeben. Horst Helbig hat 2016 darauf aufmerksam gemacht, dass die Augenheilkunde lange Zeit als kleines Fach bezeichnet wurde, aber die Anzahl an Patientenbesuchen und Eingriffen immens zugenommen hat. Karl-Ulrich Bartz-Schmidt hatte das Jahr zuvor den Stellenwert der Grundlagenforschung herausgestellt, vollkommen zu recht. Ich möchte den Fokus darauf lenken, was die deutsche Augenheilkunde international erreicht hat und noch erreichen kann. Der Aspekt Internationalität hat auch persönlich mein wissenschaftliches und ophthalmologisches Leben stark beeinflusst. In diesem Sinne habe ich mich bemüht, internationale Gesellschaften wie die ESCRS, EURETINA oder IIIC ins Boot zu holen, mit denen wir gemeinsam englischsprachige Sitzungen veranstalten. Ich wünsche mir, dass die Gruppe an Ophthalmologen, die auf Vortragsreisen in Amerika und Asien unterwegs ist, noch größer wird. Ich möchte ein Signal setzen zum Aufbruch in die Zukunft, indem wir unsere Leistungen stärker internationalisieren. Und da gilt: Die Welt-Wissenschaftssprache ist Englisch.

Der Blick über den Tellerrand bringt Erkenntnis – in der Medizin, unter Umständen auch in der Wissenschaftsorganisation. Was kann der Klinik- und Forschungsstandort Deutschland von anderen Nationen lernen?

Ich denke, wir haben schon viel gelernt, vor allem was den ambulanten Bereich angeht. Ambulante Zentren sind eine tolle Möglichkeit, Patienten zu versorgen. Ich meine aber nicht, dass wir alles ambulant durchführen sollten – wie etwa in den USA, wo es keine stationäre Augenheilkunde mehr gibt. In vielen Bereichen, etwa bei Kindern, bei schweren Hornhauttransplantationen oder Glaukomen, finde ich richtig, dass wir die Patienten stationär aufnehmen können. Damit entfallen längere Anreisen für Patienten oder Angehörige, die den Transport übernehmen müssten. Die DRGs bilden das ja ab, eine Anreise von mehr als 100 Kilometern gilt als Kriterium für eine stationäre Aufnahme. Ich finde, wir sind mittlerweile in der Klinik gut aufgestellt, haben das Beste aus beiden Welten genommen. 

Forschung und Forscher aus Deutschland genießen weltweit ein sehr hohes Ansehen. In der klinischen Forschung ist Deutschland gleichauf mit anderen führenden Nationen wie den USA, Frankreich, UK oder Japan. In der Grundlagenforschung haben einige Länder wie UK, USA und Japan einen geringen Vorsprung und wegweisenden Konzepte. In Anbetracht des rasanten Aufschwungs asiatischer Länder besteht jedoch Handlungsbedarf, die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands und seiner Leistungsträger im internationalen Vergleich zu sichern und zu stärken. Hier benötigt die Forschung den europäischen Kontext und die europäische Förderung. Aber auch die Unterstützung des Staates, um effektiv in der Wissenschaft sein zu können.

Was ist aus Ihrer Sicht auf der DOG 2017 in diesem Jahr besonders relevant für die Praxis?

Für mich persönlich kann ich sagen: Ich nehme mit jedem internationalen Kongress wichtige Entwicklungen auf. Jedes Mal, wenn ich auf einer Tagung war, habe ich etwas in meiner ophthalmologischen Praxis geändert – manchmal nur eine Kleinigkeit, manchmal ganze Eingriffstechniken. So gesehen sind sicherlich die interaktiven operativen Video-Beiträge von Interesse, von denen wir in diesem Jahr mehr im Programm haben. Und natürlich die Updates, die klinisch und praktisch tätige Augenärzte am Samstag und Sonntag auf kompakte Art und Weise darüber informieren, welche neuen evidenzbasierten Erkenntnisse in der Augenheilkunde vorliegen und für sie wichtig sein könnten. Zuletzt die Grundlagenwissenschaften, ein wichtiger Aspekt für unser tägliches Handeln.

Auf welche wissenschaftlichen Highlights dürfen sich die Teilnehmer freuen?

Ganz bestimmt auf die Keynote Lectures. Shigeru Kinoshita, Martin Rohrbach und Douglas Koch sind herausragende Experten auf ihren jeweiligen Gebieten. Für mich zählen die internationalen Sessions allesamt zu den Highlights. So diskutieren IIIC, ESCRS und DGII über „IOL worldwide“ und „Hot Topics in Cataract & Refractive Surgery“, EURETINA und Retinologische Gesellschaft zum Thema „Age-related macular degeneration“ und Cornea Society und Sektion DOG-Kornea erörtern „Innovative conservative and microsurgical approaches to treat various types of corneal dystrophies CD“. Weitere Symposien mit Referenten aus Übersee beziehungsweise Japan behandeln „Current trends in amblyopia treatment” und „Novel approaches for treatment of corneal endothelial diseases: An international perspective”. Das Symposium der DOG Task Force Research „Germany goes Europe: European Research Consortia with German participation” zeigt Ziele und Ergebnisse laufender EU-Großforschungsprojekte auf, die Session „The clinical side of experimental gene therapy trials for inherited retinal and optic nerve diseases“ zieht eine Bilanz aus zehn Jahren Erfahrung mit Gentherapien – und gibt einen Ausblick auf die Zukunft. Insgesamt finde ich, dass wir einen tollen Mix aus klinischer Forschung und Grundlagenwissenschaft anbieten. Da ist für jeden etwas dabei.

Ihr persönlicher Tipp für den Kongress?

Ach, eine solche Wahl ist schwierig für mich. Ich finde die DOG von der ersten bis zur letzten Minute spannend, freue mich zudem auf meinen Gastredner, den früheren hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch. Ich werde alles genießen, vor allem den Austausch mit den Kollegen in zwangloser Atmosphäre. Und natürlich nehme ich wieder am Eye Run teil und hoffe auf viele Mitläufer!